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Grödner Puppen von Judith Sotriffer

« Aus Liebe zum Holz »

Im 19. Jahrhundert war sie sehr begehrt: die Grödner Gliederpuppe. Aber im Verlauf des 20. Jahrhunderts geriet sie in Vergessenheit. Eine Frau lässt die Tradition der Grödner Puppen wiederaufleben. Doch was macht die Holzpuppen so besonders?

Ein Gefühl entscheidet

Das Grödnertal in Südtirol ist Wander- und Kletterparadies im Sommer. In der kalten Jahreszeit lockt Gröden Winterurlauber aus aller Welt mit Hüttenzauber in die Dolomiten. Dort ist aber auch die Heimat von Judith Sotriffer. Als Tochter eines Südtiroler Bildhauers stand sie von Kindesbeinen an in der Werkstatt.

Der harzig-warme Duft von frischen Spänen hat sich ins Gedächtnis eingebrannt und die Faszination für den Werkstoff Holz geweckt.

Denn mit Schnitzmesser und Drechselmaschine lassen sich ungeahnte Formen im Naturmaterial freilegen. Der schöpferische Akt am ursprünglichen Material ist das, was die Begeisterung für den Werkstoff Holz für Judith Sotriffer wachhält. Bis heute fertigt sie Holzobjekte – am liebsten Spielzeug aus Holz.

Groedner Joch und Sellagruppe Dolomiten Alpen
© VRD – stock.adobe.com

Holzspielzeug aus den Dolomiten gelangt in die ganze Welt

Die Geschichte der Gliederpuppe aus Gröden lässt sich bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen, wo sie 1680 erstmals erwähnt wird. Der Verkauf der Holzfiguren bedeutete für die einheimischen Kaufleute ein wichtiges Zubrot. Schon bald gingen sie um die Welt. Noch heute finden sich zwölf Grödner Puppen in einer Sammlung der britischen Königin Victoria, die mit ihrer Regentschaft ein knappes Jahrhundert prägte. Während des Viktorianischen Zeitalters eroberten die Grödner Puppen nicht nur das europäische Festland. Über die Niederlande gelangte die Holzpuppe in alle Welt, so auch nach Großbritannien, wo sie aufgrund des Transportweges als Dutch Dolls bekannt wurden.

Die Gliederpuppen wurden massenhaft in Heimarbeit hergestellt. Statt sie zu schnitzen, wurde der Korpus gedrechselt. So konnten in kurzer Zeit viele Puppen hergestellt werden.

Bis zum Anfang des 20. Jahrhundert wurde das handgemachte Spielzeug daher zur Massenware. So ist der Begriff der „Penny Doll“ für die Traditionspuppe ebenfalls geläufig, da man die Kaufleute irgendwann nicht mehr nach Anzahl, sondern nach Kilogramm der gelieferten Ware entlohnte. Die Weltwirtschaftskrise um 1930 setzte dem Exportschlager jedoch ein jähes Ende. Über die Jahrzehnte geriet die Holzpuppe in Vergessenheit, bis ihr eine Frau aus Gröden neues Leben einhauchen sollte.

puppe-groednertal-gross-groedner-holzspielzeug-armeDas Comeback der Grödner Gliederpuppe

Von der Pike auf hat die Holzbildhauerin Judith Sotriffer das Handwerk von ihrem Vater gelernt. Ihre Mutter, Inhaberin eines Spielwarengeschäfts, verstärkte die Liebe zum Grödner Spielzeug aus Holz. Selbst der Großvater beschäftigte sich bereits als Verleger mit Spielzeug.

Als Judith Sotriffer schließlich die Entwürfe alter Holzpuppen und anderer Objekte in die Hände fallen, ist für sie klar: Diese Tradition soll wiederaufleben. Inzwischen fertigt sie die Grödner Gliederpuppen seit über 20 Jahren nach alten Vorlagen. Ihre Holzpuppen sind teils nur wenige Zentimeter lang, können aber auch lebensgroß sein.

Die Gliederpuppen aus der Werkstatt in St. Ulrich haben jedoch alle mindestens eines gemeinsam: Sie bestehen aus siebzehn Einzelteilen. Bevor sie Arme und Beine von sich strecken können, nimmt die Spielzeugmacherin die Figuren bestimmt hundert Mal in die Hände.

Grödner Gliederpuppe – von wegen Massenware

Mit den einst in großer Stückzahl gefertigten Penny Dolls teilen Judith Sotriffers Holzobjekte oft nur den Entwurf. Ihre fertigen Gliederpuppen zeichnen sich durch filigrane Genauigkeit aus. Doch selbst die imperfekten Holzfiguren des 19. Jahrhunderts haben ihren Reiz und sind heute begehrte Sammelobjekte. Die Puppenmacherin kann den Figuren mit teils eckigem Kopf, unregelmäßigem Körper und wie im Vorbeigehen aufgemaltem Gesicht einiges abgewinnen. Gerade ihre Unvollkommenheit und der handgemachte Charakter verleihen jeder Grödner Puppe, ob alt oder neu, den Charme eines Unikats.

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Für ihre Figuren nimmt sich Judith Sotriffer Zeit. Häufig spricht sie auch mit ihren Holzobjekten. Wenn sie das Holzstück in die Drechselmaschine einspannt, es auf Knopfdruck zu drehen beginnt und schließlich das Dreheisen seine Furchen im Holz zieht, rieseln die Späne der Zirbelkiefer wie Flocken zu Boden. Der harzige Geruch erfüllt die Arbeitsstätte wie einst wohl die Werkstatt ihres Vaters. Das Aroma des Zirbenholzes scheint genauso entspannend zu wirken, wie der Handwerkskünstlerin bei der Arbeit über die Schulter zu schauen.

Jede Gliederpuppe ein Unikat

Mit dem Schnitzmesser vervollständigt die Holzbildhauerin die Silhouette der Figur in ihrer Hand. Damit die Gliederpuppe ihre typische Beweglichkeit erhält, werden Löcher in Schultern und Hüfte gebohrt. Hauchdünne Holzstifte formen die Gelenke. Jetzt fehlt nur noch der letzte Schliff. Mit Schleifpapier fährt Judith Sotriffer sorgsam über den Puppenkörper. Doch erst mit dem Pinsel haucht sie der Grödner Gliederpuppe Leben ein. Die Schöne aus dem Grödnertal trägt eine dunkle, kinnlange Mittelscheitelfrisur.

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Feine Locken rahmen das Gesicht. Mit zarten Pinselstrichen setzt Judith Sotriffer der Holzpuppe Augenbrauen und ein verschmitztes Lächeln ins Gesicht. Das Antlitz erinnert an die großen Stummfilmstars des frühen 20. Jahrhunderts. Man denke nur an Greta Garbo! Etwas Schneewittchen steckt in den ansonsten naturbelassen blassen Holzpuppen ebenfalls. Als Spielzeug aus Holz waren sie anno dazumal womöglich deshalb so beliebt, weil sie um einiges robuster als die ebenfalls modernen Porzellanpuppen waren.

Holzspielzeug aus den Alpen für Jung und Alt

In der Werkstatt im Südtiroler St. Ulrich fertigt Judith Sotriffer Holzspielzeug nach alter Tradition. Ihre Figuren bringen jedoch längst nicht mehr nur Kinderaugen zum Leuchten. Die sorgsam gefertigten Art-Toys stellen sich Alpenfans gerne in die Vitrine oder auf den Kaminsims. Neben dem Kunsthandwerk ist es vor allem die Geschichte jeder einzelnen Figur, die sowohl Judith Sotriffer als auch ihre Kundschaft interessiert.

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In den Regalen warten Gliederpuppen, Hampelmänner und Pinocchios sowie Schachtelpuppen, die an die hohlbäuchigen Matrjoschkas erinnern, auf ein neues Zuhause. Tatsächlich sind die Südtiroler Schachtelpuppen ein Relikt alter Tage. Als russische Arbeiter mit dem Eisenbahnbau ins Grödnertal kamen, brachten sie auch die hölzernen Puppen mit. Damals wie heute glänzen die abgelegenen Dolomiten mit einer bodenständigen Weltoffenheit, die es – wie die Grödner Gliederpuppen – wohl so nur hier gibt.